Puschendorf als Wallfahrtsort?

09.​11.​2024

INDIZIEN - Es spricht manches dafür, dass Gläubige einst zum Heiligen Wolfgang in die gleichnamige Kirche pilgerten.

 

PUSCHENDORF – Das 1100-jährige Jubiläum des Heiligen Wolfgang von Regensburg in diesem Jahr nahm die Pfarrgemeinde gleichen Namens zum Anlass eines großen Festtags. In Kurzführungen wurde vermittelt, wie es wohl zum Bau dieser besonderen Kirche kam und welche Bedeutung der Heilige Wolfgang für Puschendorf hat. 

 

Es sei schon außergewöhnlich, dass eine solch schmucke und reich ausgestattete Kirche zum Ende des 15. Jahrhunderts in diese kleine Ansiedlung von damals wenigen Waldbauernfamilien kam, sagte Jacqueline Klusik-Eckert. Die Kunsthistorikerin ist in der Kirchengemeinde und beim örtlichen Heimatverein zuständig für Kirchenführungen und die Geschichte der Wolfgangkirche. 

 

Ungewöhnlich für die Zeit der Erbauung ist auch der den Sakralbau umgebende Graben. Wehrkirchen mit Wassergraben sind eher typisch für die Zeit des 30-jährigen Krieges, also 150 Jahre später. Der Grund für den Graben um die Kirche, den heute viele Obstbäume schmücken, ist ein anderer. Die Kirche wurde 1489 an die Stelle eines ehemaligen „Burgstalls“ und später errichteten Patrizierschlösschens gebaut, als das Anwesen der Familie Haller in den Besitz des Nürnberger Kartäuserklosters gekommen war. 

 

Die Kartäuser, so mutmaßt Klusik-Eckert, haben die Kirche aus strategischen und wirtschaftlichen Erwägungen so ausgestattet und mit Bedacht auf den Namen des heiligen Wolfgang geweiht. Denn Puschendorf lag im Spätmittelalter an der bedeutenden Handelsstraße Frankfurt – Nürnberg – Prag und auch auf einem der Wallfahrtswege in Richtung Regensburg und weiter bis nach St. Wolfgang im Salzkammergut. 

 Daniel Rimsl 

Der Regensburger Kunsthistoriker Daniel Rimsl, Herausgeber des jüngst erschienenen Buchs „Wolfgang, Bischof von Regensburg, Heiliger Europas“ (Verlag Schnell und Steiner), zeigte bei seinem Vortrag auf, dass der 924 geborene und am 31. Oktober 994 verstorbene Bischof von Regensburg im Spätmittelalter zu den bedeutendsten Heiligengestalten zählte und die Wallfahrten im 15. und 16. Jahrhundert zu den Wirkungsstätten und Kirchen des Heiligen regelrecht „explodierten“. 

 

Im südlichen mitteleuropäischen Raum ausgehend von damals noch deutschsprechendem Elsass über Schweiz, Deutschland und Österreich bis nach Slowenien und Ungarn sind zahlreiche Kirchen und Kultstätten nachweisbar, die dem heiligen Wolfgang geweiht sind. 

 

Wegen seiner Menschenfreundlichkeit und Güte, seiner Askese und Bescheidenheit, seiner Fürsorge und Heilkraft war Wolfgang bereits zu Lebzeiten ausgesprochen beliebt und verehrt. Dazu kam, dass Wolfgang als Patron der Hirten, Schiffer, Holzarbeiter und Zimmerleute, Köhler, Bildhauer und unschuldig Gefangener genau richtig für die arme Landbevölkerung war. Angerufen wurde der heilige Wolfgang auch bei Schlaganfällen, Gicht, Lähmungen, Fußleiden sowie Augenkrankheiten und Hautentzündungen. 

 

Aus wirtschaftlicher Sicht war es daher nur klug, auch das Puschendorfer Kirchlein dem heiligen Wolfgang zu weihen. Gesicherte Nachweise, dass Puschendorf tatsächlich Ziel von Wallfahrern wurde, gibt es allerdings nicht. Kurz nach 1527 trat die Gemeinde über zum lutherischen Bekenntnis, da sie zu Nürnberg gehörte und duldete sicherlich solche Bräuche nicht mehr. Quellen dazu sind leider rar. „Wir können nur Indizien zusammentragen“, sagte Klusik-Eckert. 

 

So gibt es einmal auch - wie bei vielen anderen Wallfahrtsorten - in der Puschendorfer Kirche die Möglichkeit, um den Hochaltar komplett herum zu laufen, den selbstverständlich eine Statue des heiligen Wolfgang mit Bischofsstab und Kirchenmodell in der Hand ziert. Nachweisbar bis heute ist eine Fenestella, ein gemauerter enger Schüttschacht, der von der Rückseite des Hochaltars senkrecht hinunter in die darunterliegende Krypta führt. In anderen Wallfahrtsorten wird ein solcher Schacht genutzt, um Kleidungsstücke oder Opfergaben dem verehrten Heiligen zu überlassen. Als dritter Hinweis dient die überlieferte Wolfgangsquelle in einem nahen Waldstück, zu dem in früheren Zeiten direkt von der Kirche ein kleiner Fußweg führte, das sogenannte „Kirchagängla“.   

 

 Puschendorf und Wolfgang 

Hauptverehrungsorte des Heiligen sind der nach ihm benannte Ort St. Wolfgang im Salzkammergut am Wolfgangsee, der zuvor Abersee hieß, das nahgelegene Kloster Mondsee und die Wallfahrtskirche Falkenstein, wo er fünf Jahre als Einsiedler gelebt haben soll. 

 

Weil das Bistum Regensburg in dieser Gegend über größeren Waldbesitz verfügte, war Bischof Wolfgang im Zuge einer Visitationsreise dort hingekommen und jahrelang geblieben. 

 

Nicht gesicherten Fakten, sondern eher Legenden zuzuordnen, sind die Wolfgang zugeschriebenen Wunder in dieser Zeit. In seiner Einsiedelei soll er durch einen Stockschlag auf einen Felsen eine Wasserquelle an die Oberfläche befördert haben und das später an einer anderen Stelle aus Mitleid mit einem dürstenden Waldarbeiter wiederholt haben. Diesem Quellwasser wurde später heilende Wirkung nachgesagt und deshalb hochverehrt. 

 

Legendär ist außerdem der berühmte „Beilwurf“ des Bischofs, mit dem er den Ort einer weiteren Behausung zu bestimmen suchte. Von Falkenstein ist das „Wolfgangshackl“ der Legende nach erst nach vielen Kilometern am Ufer des Abersees aufgeschlagen. 

 

Während das Wasserwunder seine Entsprechung im Puschendorfer Wald bekam, sucht man nach Wolfgangs „Hackl“ in Puschendorf ebenso vergebens wie nach einer Darstellung seines „Steinwunders“. Der harte Stein, auf dem der Heilige in Österreich intensiv die Kontemplation übte, hatte sich dem Volksglauben nach aus Mitleid mit dem Betenden unter ihm verformt. Vergleichbar wie bei einem weichen Brotteig, wie Rimsl im Puschendorfer Gemeindehaus den interessierten Besuchern eröffnete.    

 

Bild zur Meldung: Die Kirche St.Wolfgang in Puschendorf ist mit einem Kirchgraben umgeben und steht an diesem Ort seit 1489 - seit 535 Jahren. Einiges spricht dafür, dass die Menschen früher hierher pilgerten.